
Shiatsu und Demenz
- Andrew Couse

- 18. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Apr.
Ein Forschungsprojekt in Wien, Österreich
Die Caritas Socialis (CS) ist eine private Stiftung, die in Wien drei Pflegeheime betreibt und Angebote in den Bereichen Langzeitpflege, Hospiz und Tageszentren bereitstellt. Darüber hinaus fördert sie das CSI Forschungsinstitut für Gerontologie und Palliative Care.
Im Jahr 2018 initiierte die Caritas Socialis in Zusammenarbeit mit der Internationalen Akademie für Hara Shiatsu und dem Caritas Ausbildungszentrum ein Forschungsprojekt, das sich mit den Auswirkungen von Shiatsu-Behandlungen bei Bewohner:innen mit Alzheimer und anderen Formen von Demenz beschäftigte.
Maria Schwaiger – Hara Shiatsu Praktikerin, diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin sowie Lehrende am Caritas Ausbildungszentrum – war für das wissenschaftliche Design und die Durchführung der Studie verantwortlich und betreute die Datenerhebung sowie die Erstellung des Abschlussberichts.
Als Hara Shiatsu Praktiker und Trainer an der Internationalen Akademie für Hara Shiatsu war ich für die Zusammenstellung eines Behandlungsteams verantwortlich, koordinierte die therapeutischen Ansätze und übernahm die Kommunikation zwischen Praktiker:innen, Pflegepersonal und Management der Caritas Socialis.
Aufbau und Methodik
Im Rahmen der verfügbaren Ressourcen behandelte ein Team von drei Shiatsu-Praktiker:innen – mich eingeschlossen – insgesamt sieben Bewohner:innen mit Demenz. Jede Person erhielt wöchentlich eine Behandlung, insgesamt acht Einheiten.
Da die Anzahl der ausgewählten Bewohner:innen für eine quantitative Studie nicht ausreichend war, wurde ein qualitativer Forschungsansatz gewählt. Dieser Ansatz, der aus den Sozialwissenschaften stammt, zielt darauf ab, nicht-numerische Daten zu erfassen, um subjektive Eindrücke und Erfahrungen besser zu verstehen und daraus neue Perspektiven für weitere Forschung zu gewinnen.
Zu diesem Zweck wurde ein Team von Pflegeschüler:innen zusammengestellt, das die Behandlungen beobachtete, protokollierte und fotografisch dokumentierte. Zusätzlich wurden Interviews mit Bewohner:innen und Pflegepersonal vor und nach den Behandlungen durchgeführt. Das Pflegepersonal führte darüber hinaus Aufzeichnungen über ihre Beobachtungen im Anschluss an die Sitzungen.
Die Shiatsu-Praktiker:innen arbeiteten mit individuell angepassten Behandlungsprotokollen. Neben klassischen diagnostischen Ansätzen wie Kyo, Jitsu, Hara-Diagnose und Mustern der Fünf-Elemente-Lehre wurden dabei auch Kriterien wie „Schmerz und körperliche Spannung“, „Stimmung und Energielevel“ sowie „Kontaktfähigkeit“ – etwa die Fähigkeit zu Blickkontakt – berücksichtigt.
Am Ende der acht Behandlungen wurde ein Evaluationsworkshop organisiert, an dem Shiatsu-Praktiker:innen, Pflegepersonal, das Forschungsteam, eine externe Sozialwissenschaftlerin sowie eine Moderation teilnahmen. Ziel war es, die gesammelten Daten auszuwerten, Erfahrungen zu diskutieren und eine gemeinsame Einschätzung zur Rolle von Shiatsu in der Begleitung von Menschen mit Demenz zu formulieren.
Beobachtungen aus der Praxis
Im Verlauf der Behandlungen wurden verschiedene Veränderungen wahrgenommen.
erhöhte Entspannungszustände, die in vielen Fällen mehrere Tage anhielten (vom Pflegepersonal wurde berichtet, dass dies insbesondere bei bettlägerigen Bewohner:innen eine spürbare Erleichterung im Pflegealltag mit sich brachte)
Veränderungen im Schmerzempfinden
eine Verbesserung des körperlichen und emotionalen Wohlbefindens
ein stärkeres Bewusstsein für den eigenen Körper
eine erleichterte Integration neuer Bewohner:innen in die Situation im Pflegeheim, mit geringerer Ablehnung und schnellerer Anpassung an die veränderten Lebensbedingungen
vereinzelt Veränderungen in verbaler Kommunikation, Blickkontakt und Reaktionsfähigkeit direkt nach den Behandlungen
Diese Beobachtungen legen nahe, dass Shiatsu Prozesse unterstützen kann, die mit Wahrnehmung und möglicherweise auch mit kognitiven Funktionen in Zusammenhang stehen. In einzelnen Fällen entstand der Eindruck, dass Behandlungen Erinnerungsräume ansprechen, die im Alltag weniger zugänglich sind. Es wurde die Vermutung geäußert, dass Shiatsu einen Zugang zu tiefer liegenden kognitiven Ressourcen ermöglichen könnte, wobei hier weitere Forschung notwendig ist.
Beobachter:innen hatten zudem häufig den Eindruck, dass Shiatsu einen nonverbalen Kommunikationsraum eröffnet. Besonders bei Menschen, die aufgrund ihrer Einschränkungen sozial stark isoliert sind, scheint dadurch eine Form von Kontakt und Interaktion möglich zu werden, die über Sprache hinausgeht.
Weiterentwicklung nach dem Projekt
Aufgrund der insgesamt positiven Einschätzung der Ergebnisse äußerte die Caritas Socialis den Wunsch, die Shiatsu-Behandlungen auch nach Abschluss des Projekts fortzuführen und auf weitere Bewohner:innen auszuweiten, einschließlich jener ohne Demenz sowie Teilnehmer:innen des Multiple-Sklerose-Tageszentrums.
Innerhalb weniger Monate erhielten rund 20 Bewohner:innen regelmäßig Shiatsu. Diese Zahl stieg in weiterer Folge auf etwa 30 bis 40 Personen, betreut von vier Praktiker:innen.
Zwischen Shiatsu-Team und Pflegepersonal entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit. Das Pflegepersonal übernahm unter anderem die Auswahl geeigneter Bewohner:innen sowie die Terminorganisation. Monatliche Besprechungen sowie ein kontinuierlicher Austausch über Beobachtungen und Erfahrungen wurden zu einem festen Bestandteil der Zusammenarbeit.
In einigen Fällen konnten wir auch aus unserer Perspektive Einblicke in komplexere Situationen einbringen und einfache Techniken weitergeben, die vom Pflegepersonal im Alltag angewendet werden können.
Shiatsu im Pflegealltag
Am Standort Rennweg ist Shiatsu mittlerweile ein fixer Bestandteil des Betreuungsangebots der Caritas Socialis. Nach den pandemiebedingten Einschränkungen gehörte Shiatsu zu den ersten externen Angeboten, die wieder in den Alltag integriert wurden.
Inzwischen wurde das Angebot auch auf weitere Standorte innerhalb des Netzwerks ausgeweitet
Ausblick
Die Erfahrungen aus diesem Projekt zeigen, dass Shiatsu im Kontext von Pflege und Demenzbegleitung ein vielschichtiges Potenzial entfalten kann – insbesondere im Bereich von Wahrnehmung, Kontakt und nonverbaler Kommunikation.
Schon bald wird es bei Longmai wieder einen Workshop zu „Shiatsu und Demenz“ geben, in dem wir diese Erfahrungen vertiefen, praktische Zugänge erforschen und gemeinsam Möglichkeiten entdecken, wie Berührung, Präsenz und Shiatsu im Umgang mit Menschen mit Demenz unterstützend eingesetzt werden können.
Ich freue mich, wenn wir diesem sensiblen und zugleich so wichtigen Thema gemeinsam Raum geben.


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